Texte

Statement

 

Malerei ist die Beschichtung von Oberflächen, durch das Auftragen von Farbe. Sie verkleidet den Malgrund, gibt ihm einen Überzug. 

In unserer Zusammenarbeit werden die Flächen zu Objekten im Raum und die Malerei zur Haut ihrer Körper. Sie nehmen Formen an und treten miteinander in einen Dialog. 
Wir geben der Malerei einen Körper.

Brazil, where hearts were entertaining June

 

Brazil ist ein Ort, der unsere Sehnsüchte und unser Verlangen nach Unbeschwertheit vereint. Es ist ein Ort, den wir uns nur vorstellen können, da wir ihn nie besucht haben. 

Das Bild, das vor dem inneren Auge entsteht, sobald man an diesen Ort denkt, ist ein abstraktes Bild, das sich aus Vorurteilen und Postkartenmotiven und der eigenen Hoffnung speist.

Ein Tagtraum, an dem das Magische als das Wahrscheinliche gilt. Ein Fluchtpunkt, eine Illusion, die mehr Wahrheiten über uns, als über den realen Ort in sich trägt. Gibt man diesem Trugbild nach, so entsteht ein autonomer Raum, dem keine Grenzen gesetzt sind. Diesen zu erforschen und auszuformulieren ist ein Teil unserer Arbeit.

Die Installation wird durch eine persönliche Komponente aus Esperanzas Kindheitserinnerung in Chile ergänzt. Ein Land in dem die Gesellschaft gespalten und ein starkes Milieubewusstsein vorhanden ist. So wurde und wird in Teilen bis heute ein Gesellschaftsmodell konserviert, das wir in der westlichen Welt glauben, mit der 68er Bewegung hinter uns gelassen zu haben. Die nicht aufgearbeitete Diktatur Pinochets (1973-89) und eine von der Militärdiktatur traumatisiert Generation führten dazu, dass politische Diskussion im öffentlichen Raum vermieden wurde. Die derzeitigen Proteste, deren Ziel es unter anderem ist, die noch aus der Diktatur stammende Verfassung neu zu schreiben, sind ein Ausdruck davon.

Eine Seite der Installation beschäftigt sich subtil mit diesem Konflikt, indem die eigenen vier Wände  zum Rückzugsort werden, indem Politisches nicht diskutiert wird und der Kitsch einer geschlossenen Welt zu Tage kommt. 

 

Die Anspielung auf den Titelsong des Films Brazil (1985) von Terry Gilliam ist bewusst gewählt. In dem Film ist der Protagonist Sam Lowry in einer Dystopischen Welt gefangen, in der Traum und Realität ineinander übergehen. Sam ist Mitarbeiter des mächtigen Informationsministeriums. Beim Versuch, die verfolgte Jill zu retten, die er zunächst in seinen Träumen und dann in der Realität trifft,  wird er verhaftet und gefoltert. Er schafft es jedoch, mit Jill in eine idyllische Landschaft zu fliehen. Hierbei spielt der Titelsong Brazil, eine tragende Rolle, der einen romantischen Sommernachtstraum beschreibt. Diese Flucht stellt sich als Trugbild raus, da Sam bei der Folter verrückt wird und das Idyll nur eine weitere Traumillusion ist. 

 

Durch die collagierten Bildebenen lässt die Konstruktion der Installation nicht in jedem Fall eine klare Verortung der Situation in den Innen- oder Außenraum zu. Dies findet sich in der Erzählweise von Terry Gilliam wieder, in der Fiktion und Wirklichkeit ineinander übergehen.

Unter dem Schatten der wilden Sukkulente

Ausstellungstext von Ileana Elordi

(Übersetzt aus dem Spanischen)


 

“Weit hinter dem Gehör existiert ein Geräusch, am Ende der Vision ein Aspekt,
an der Spitze des Stiftes der Strich, und wo ein Gedanke eingehaucht wird, gibt es eine Idee: Dort gehe ich hin.”
Clarice Inspector


Wenn sich Kitsch auf eine Täuschung reduzieren ließe, dergestalt, dass eine Sache vorgibt eine andere zu sein, wäre diese Ausstellung extrem kitschig. Hier werden nicht nur Tapeten mit Zitronen, wilde Sukkulenten, Möbel und Fenster nachgeahmt, sondern man geht noch ein gutes Stück weiter: Es wird gar die Wirkung von Licht imitiert, welches nicht einmal sichtbar ist, solang es auf keinen anderen Gegenstand trifft.

Wir wissen, dass alles was wir sehen, nicht so existiert, wie wir es sehen. Es ist offensichtlich, dass Materie existiert, aber sie selbst hat an sich keine Bedeutung. Tisch, Fenster, Zitronen, wilde Sukkulente.

Wenn die Wirkung des ersten Anschauens verblasst, erkennen wir, dass das Erste was verschwindet, jene Ideen sind, welche Objekte imaginieren. Nach einer kurzen Betrachtung rücken andere Qualitäten in das Blickfeld: Farbe, Form und das Licht, welches erhellt und dieses Objekt plötzlich in eine neue Form verwandelt.

Diese Ausstellung befasst sich mit demselben Phänomen. Das Licht friert die Szene ein, lässt jedes Objekt seinen Schatten und seine Farbe werfen und in benachbarten Gegenständen reflektieren. Die Elemente scheinen ihre eigenen Grenzen zu überschreiten und hören auf isoliert zu sein, um Teil einer Gesamtatmosphäre zu werden. Sie entwickeln ein Zugehörigkeitsgefühl füreinander, wie in einem Pakt. Sie wollen sich nicht trennen. So wie der Gedanke eingehaucht wird, entsteht eine Idee, und die Gegenstände beginnen sie selbst zu sein, sobald sie projiziert werden.

Der Kitsch hat mit Ironie zu tun. Aus der Ferne lacht er sich und was er darstellt aus. Neben der gegenwärtigen Stimmung möchte die Ausstellung jedoch keine bestimmte Botschaft kommunizieren, sondern ganz im Gegenteil einen Ort vorschlagen, der belebt werden kann und nebenher eine andere Art zulässt, uns zu Raum und Objekt in Beziehung zu setzen.

 

Die Akrobaten

Ausstellungstext von Sergio Soto
(Übersetzt aus dem Spanischen)

 

Ende der siebziger Jahre entdeckten die Wissenschaftler S. und W., dass das Wahrnehmen von Farbe in unserem Gehirn keine Selbstverständlichkeit ist. Ganz im Gegenteil, denn im Laufe der Zeit werden die Bilder komplexer, bedienen sich größerer neuronaler Ressourcen und die Farbe erlangt neue Formen der psychischen Erfahrbarkeit. Unsere Erfahrung von Farbe ist uns ähnlich fremd wie es Träume sind, sie gehört uns nicht. In ihrer Darstellung und Wirkung ist sie abhängig von unserem Bewusstsein. Farbe wird zu einer Idee und diese Idee wird ein Teil unseres Gedächtnisses.


Für Einige ist das Malen eine poetische, persönliche Angelegenheit: Die Erfahrung der Leinwand, ihre Unendlichkeit, eine Stimme, die versucht, sich der Begrenztheit der Augenperspektive zu stellen, um zum Blick nach Innen zurückzukehren. Für Andere ist Malerei eine Konstruktion und Farbe ein Material, die einen gemeinsamen Raum einnehmen. Esperanza Rojo und Lennart Kreß schlagen in der ausgestelltem Installation eine Situation vor, die aus dem Alltag kommen könnte. Ein Raum, der die Farben und ihr Licht materialisiert, ohne jedoch die möglichen Dimensionen des Gemäldes einzuschränken.

 

Diese Installation könnte als Bildarchitektur bezeichnet werden, die den privaten und öffentlichen Zustand der Erfahrung und ihrer Bilder darstellt. Seine Komplexität erfordert Raum, Licht und Handwerk. Elemente, welche ein Zusammenspiel von kurzlebigen Naturphänomenen und von Produkten der Massenindustrie ermöglichen. Es ist eine Lösung, die die Komplexität des mentalen Szenarios (durch die Anordnung des Materials) darstellt, sowie die Unendlichkeit, die Farbe im Kopf erlangt (ebenso wie Pinselstriche im Bild) und die Empfindsamkeit des Gedächtnisses.

Wenn die Inneneinrichtung anstrebt ein Gesamtkunstwerk zu sein, repräsentiert sie in ihren Objekten die persönliche Geschichte der Bewohner des dekorierten Raumes. Sie ist weder umsichtig, noch bescheiden. Mit ihren überladenden Details stellt sie die Absurdität der modularen Bilder, welche die Erinnerung organisieren, zur Schau. Schließlich verwandelt sie einen privaten / alltäglichen Raum in eine ironische oder unangenehme Umgebung für diejenigen, die sich nicht angesprochen fühlen. Dies setzt sich aus den Erinnerungen und ihren Farben als Requisiten zusammen.

 

Nehmen wir an, die Dekoration weiß, dass die Erinnerung aus unterschiedlichen Objekten besteht, die über eigene Räume verfügen: Inwieweit könnte die Erinnerung verschönert werden, wenn die Idee der Farbe kein ästhetisches Material ist? Die Akrobaten aktivieren Farben, ihre physikalischen Effekte und ihre Ideen, mittels sich wiederholender Gesten. Die Schönheit quillt über, sie entgrenzt sich, als wäre es unmöglich eine persönliche Erinnerung zu beschreiben, ohne die Spannung zu spüren und sich lächerlich zu machen.