Die Akrobaten

Galería NAC. Santiago, Chile. 2018

Die Akrobaten

Ausstellungstext
(Übersetzt aus dem Spanischen)

 

Ende der siebziger Jahre entdeckten die Wissenschaftler S. und W., dass das Wahrnehmen von Farbe in unserem Gehirn keine Selbstverständlichkeit ist. Ganz im Gegenteil, denn im Laufe der Zeit werden die Bilder komplexer, bedienen sich größerer neuronaler Ressourcen und die Farbe erlangt neue Formen der psychischen Erfahrbarkeit. Unsere Erfahrung von Farbe ist uns ähnlich fremd wie es Träume sind, sie gehört uns nicht. In ihrer Darstellung und Wirkung ist sie abhängig von unserem Bewusstsein. Farbe wird zu einer Idee und diese Idee wird ein Teil unseres Gedächtnisses.


Für Einige ist das Malen eine poetische, persönliche Angelegenheit: Die Erfahrung der Leinwand, ihre Unendlichkeit, eine Stimme, die versucht, sich der Begrenztheit der Augenperspektive zu stellen, um zum Blick nach Innen zurückzukehren. Für Andere ist Malerei eine Konstruktion und Farbe ein Material, die einen gemeinsamen Raum einnehmen. Esperanza Rojo und Lennart Kreß schlagen in der ausgestelltem Installation eine Situation vor, die aus dem Alltag kommen könnte. Ein Raum, der die Farben und ihr Licht materialisiert, ohne jedoch die möglichen Dimensionen des Gemäldes einzuschränken.

 

Diese Installation könnte als Bildarchitektur bezeichnet werden, die den privaten und öffentlichen Zustand der Erfahrung und ihrer Bilder darstellt. Seine Komplexität erfordert Raum, Licht und Handwerk. Elemente, welche ein Zusammenspiel von kurzlebigen Naturphänomenen und von Produkten der Massenindustrie ermöglichen. Es ist eine Lösung, die die Komplexität des mentalen Szenarios (durch die Anordnung des Materials) darstellt, sowie die Unendlichkeit, die Farbe im Kopf erlangt (ebenso wie Pinselstriche im Bild) und die Empfindsamkeit des Gedächtnisses.

Wenn die Inneneinrichtung anstrebt ein Gesamtkunstwerk zu sein, repräsentiert sie in ihren Objekten die persönliche Geschichte der Bewohner des dekorierten Raumes. Sie ist weder umsichtig, noch bescheiden. Mit ihren überladenden Details stellt sie die Absurdität der modularen Bilder, welche die Erinnerung organisieren, zur Schau. Schließlich verwandelt sie einen privaten / alltäglichen Raum in eine ironische oder unangenehme Umgebung für diejenigen, die sich nicht angesprochen fühlen. Dies setzt sich aus den Erinnerungen und ihren Farben als Requisiten zusammen.

 

Nehmen wir an, die Dekoration weiß, dass die Erinnerung aus unterschiedlichen Objekten besteht, die über eigene Räume verfügen: Inwieweit könnte die Erinnerung verschönert werden, wenn die Idee der Farbe kein ästhetisches Material ist? Die Akrobaten aktivieren Farben, ihre physikalischen Effekte und ihre Ideen, mittels sich wiederholender Gesten. Die Schönheit quillt über, sie entgrenzt sich, als wäre es unmöglich eine persönliche Erinnerung zu beschreiben, ohne die Spannung zu spüren und sich lächerlich zu machen.


Sergio Soto